85 000 SchülerInnen traten am 9. Juni 2010 in den bundesweiten Bildungsstreik, doch mit welchen Forderungen und mit welcher Motivation?

Am 9 Juni 2010 kam es überall in Deutschland zu gutbesuchten Demonstrationen für eine bessere Bildungspolitik. Überall, egal ob in Hamburg, Niedersachsen, Rheinland – Pfalz oder sonstwo, waren es die gleichen Forderungen, die auf Transparenten, Plakaten und Schildern standen oder als Parole ausgerufen wurden: “Bildung für alle!”, “Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Bildung [oder ggf: "Zukunft"] klaut!”, “Reiche Eltern für alle!”, “Bildung krepiert, weil Scheiße regiert!” usw. usf.
An den Aktionen nahmen die unterschiedlichsten Gruppen und Personen teil. Von oppositionellen Partei(jugend)en wie Linke & Grüne, über anderen bildungskritischen Gruppen, bis hin zu Schülern, Eltern und Lehrern, die sich andersweitig nicht mit politischer Thematik beschäftigen. Das hört sich alles ganz gut an und sorgt hoffentlich für (system-)kritisches Denken bei den einen oder dem anderen.

Doch wer steckt dahinter, was fordern die politischen Gruppen und mit welcher Motivation sind die SchülerInnen zu der Demonstration gekommen –  Was kritisieren sie, was wollen sie oder ist es doch einfach nur ein schöner schulfreier Tag mit Freunden und guter Musik aus dem Lauti?

Und was läuft eigentlich falsch in diesem Bildungssystem, wie ist es zu kritisieren? Sicher jedenfalls ist, dass die Kritik der meisten SchülerInnen verkürzt & vereinfacht ist.

Zuerst mal ein Blick auf die Finanzen, um die es ja fast immer geht: Im Vergleich mit anderen europäischen Staaten steckt Deutschland sehr wenig Geld in die Bildung. Doch, wieso? Am Geld dürfte es doch nicht scheitern, denn Deutschland ist Exportvizeweltmeister und als Reaktion auf die derzeitige Finanzkrise konnte die Bundesregierung doch auch in windeseile Milliardenpakete für die Banken & Wirtschaft(en) schnüren. Die Erklärung ist ganz einfach: Die Aufrechterhaltung des Finanzmarktes ist wichtiger als die Neuausstattung und Renovierung von Schulen, kostenlose Lehr- und Lernmittel und die Fortbildung von Lehrkräften. Mit diesen Prioritäten denkt zumindest die Bundesregierung. Diese Nicht- bzw. Unterfinanzierung der Bildungseinrichtungen führt dazu, dass die Privatisierung immer mehr in die Schulen eindringt oder sie gänzlich übernimmt. Letzteres bedeutet, dass nicht jeder Mensch freien Zugang zur Bildungsstätte hat, sondern dafür Gebühren zahlen muss.
Alles kostet Geld, manches aber erst, wenn man genauer hinschaut: Schüler aus ärmeren Verhältnissen, also jene, die weniger Geld zu Verfügung haben, werden von den Anderen abgehängt. Bildungsutensilien, Klassenfahrten und gegebenenfalls Nachhilfeunterricht sind für sie nicht bezahlbar. Das hat zufolge, dass sie keine Möglichkeit haben ihre Fähigkeiten & Talente zu entwickeln, um die Chancen auf den Arbeitsmarkt auszuweiten.
Nirgendwo anders in Europa hängen die Bildungschancen so sehr vom Elternhaus ab, wie in Deutschland. Außerdem hängt auch die Herkunft mit der Möglichkeit auf Bildung zusammen: Die Integrationspolitik der BRD sorgt für eine späte Entwicklung und eine Nicht-Integration immigrierter Kinder, schon im Kindergarten. Dadurch verlassen 17% der immigrierten SchülerInnen die Schule ohne Abschluss und 42% erwarben lediglich den Hauptschulabschluss (stand 2007). Mit einer Ausbildungsstelle sieht es dann eher düster aus, schuld sind zumeist jedoch nicht die SchülerInnen, sondern die Integrations- und Bildungspolitik der BRD. Außerdem hindert die Residenzpflicht geduldtete MigrantInnen daran ihrer Bildung nachzugehen.

Die Vorbereitung auf ein gleichgeschaltetes Leben, innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft, ist das  Ziel dieser Bildungspolitik – es geht ihr darum, dass schnell auf halbwegs brauchbare Arbeitskraft zurückgegriffen werden kann, damit die Gesellschaft stetig produziert. Es dreht sich um Quantität, nicht um Qualität! Autoritär, selektiv und fremdbestimmt ist das Bildungssystem so eingerichtet, wie es der Staat für seine Gesellschaft braucht. Durch den systematischen Ausschluss derjenigen, die sich (teure) Bildung nicht leisten können und den finanziellen Druck, der die Bildungsstätten dazu zwingt von den negativen Aspekten der (Teil-)Privatisierung abzusehen, verhärten sich die Unterschiede zwischen Reichen und Nicht-Reichen. Dieser Unterschied ist natürlich nicht von irgendwem gewollt, sondern Ergebnis des Kapitalismus, der diese Trennung schon vorgibt.

Die Forderungen der politischen Gruppen bilden ein nahezu einstimmiges Bild, welches sich (oben beschrieben) an den Parolen festmacht: Bildung ohne Gebühren, Mehr Betreuung in Kindergärten und KiTas, komplette Finanzierung der Materialien, die zur Bildung benötigt werden. Die Ausgrenzung von MigrantInnen wurde angeprangert, die Kürzungen von Lehrerstellen sollen ausfallen. Neben kleineren Klassen wurde auch die Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystems gefordert.
Die SchülerInnen waren lautstark in den Straßen aufgetreten und wussten auch weshalb sie dort waren. Natürlich, wie es bei großen Veranstaltungen immer so ist, sind auch Menschen dort hingegangen, die eher dem Prinzip des freien Tages gefolgt sind, anstatt sich tiefergehend zu informieren. Aber auch diese Menschen trugen zu der Masse der Demonstranten bei, die sich unter dem Motto Bildungsstreik organisiert hatten.

Die Kritik gegenüber der Integrations- und Bildungspolitik ist berechtigt, die Alternativen nicht uninteressant. Eine Kritik, die den Problemen tatsächlich auf den Zahn bzw. auf die (Zahn-)Wurzel fühlt, ist es leider dennoch nicht, was nicht bedeuten soll, dass sie nicht trotzdem unterstützenswert ist.