Thilo Sarrazin veröffentlicht in der nächsten Woche sein Buch “Deutschland schafft sich ab”, er kritisiert darin u.A. die Integrationspolitik.

"Deutschland schafft sich ab", das Buch von Thilo Sarrazin.

Der ehemalige Finanzsenator aus Berlin, der seit 2009 Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank ist und der SPD angehört, fiel schon desöfteren durch eine sehr profilierende Art des Kritsierung auf. Vornehmlich zieht er es immer wieder in Erwägung der fehlerhaften Integrationspolitik die Schuld an einer misslichen Bildungslage zu geben. In seinem neuen Buch soll nicht nur die deutsche Integrationspolitik, sondern auch die Migranten an sich Schuld an einem “Schrumpfen der Begabung in Deutschland”. Neben dieser These stellt Thilo Sarrazin noch weitere Aussagen auf, wie zum Beispiel die, als er in einem ARD-Interview aus seinem Buch vorlas: “Ich möchte nicht, dass das Land meiner Enkel und Urenkel zu großen Teilen muslimisch ist, das dort  über weite Strecken türkisch und arabisch gesprochen wird, das die Frauen ein Kopftuch tragen und der Tagesrythmus vom Ruf der Muezzine bestimmt wird.
Ergänzt wird diese Aussage durch weitere spektakuläre Argumente, z.B. das aufgrund der “(…)enormen Fruchtbarkeit der muslimischen Migranten” eine Bedrohung für das “zivilisatorische Gleichgewicht” im “alternden Europa” entstehe. Thilo Sarrazin beschämt sich nicht, wenn er solche Aussagen macht, selbst dann nicht, wenn er davon spricht, dass Begabung und Intelligenz zu einem großen Teil vererbbar seien und die Migrationsschicht überdurchschnittlich dumm und ungebildet sei. Den Fokus, wenn es um fehlgeschlagene Integration geht, setzt Sarrazin dabei auf Berlin, der Stadt, die am meisten von Migration und -problemen betroffen ist.

Aufgrund seiner gewagten Thesen und Aussagen entbrannte eine große Diskussion, nicht nur in Berlin. Die Staatsanwaltschaft leitete eine Ermittlung wegen “[...]möglicher Volksverhetzung” ein, da er sich wiederholt gegen Minderheiten richtete, vorallem aber hat er sich auf Aussagen gestützt, welche die Herkunft diffarmieren.
Auch in der SPD ist der Unmut über Sarrazins Aussagen laut geworden, mehrere Mitglieder haben ihm sogar den Parteiaustritt nahe gelegt.

Meinungen kursieren zu hauf und sind sehr unterschiedlich, was dem Thema noch mehr Nachdruck bereitet. Nur was gibt den Thesen von Sarrazin den Nährboden, dass sich Menschen daran beteiligen und die gerichteten Aussagen sogar befürworten?  Nun, Sarrazin stellt auch statistische und analytische Fakten dar, die nicht von der Hand zu weisen sind. Er vergleicht die statistischen Werte von Menschen mit Migrationshintergrund und ohne, innerhalb der Bildungsfrage und kommt zu dem Entschluss, das MigrantInnen wesentlich ungebildeter sind. Die fehlerhafte Integration und, nach Sarrazin, die Unbegabtheit der Migranten sind Auslöser für Banden- und Jugendkriminalität, die ebenfalls einen hohen prozentualen Anteil von ausländischen Bürgern enthalten. Da stimmt natürlich jeder zu, der sich deutsch fühlt und nicht “im eigenen Land verfremden will“. Allein schon ein solches Kalkül aufzustellen, ist eine falsche Sache. Die Probleme müssen als ganzes gefasst werden und nicht in Bevölkerungsgrüppchen.

Thilo Sarrazin

Das Buch von Sarrazin stellt schon alleine vom Titel her einen beunruhigenden Appell an “die Deutschen“: Die Warnung, dass Deutschland sich abschaffen würde, kommt einem Aufruf gleich, mit dem sich Neonazis versuchen zu artikulieren. “Deutschland – erwache!” liegt der Titelaussage nahe und das ist nicht nur aus der Luft gegriffen, wie man am ersten Sarrazin Zitat erkennen kann. Wenn man sich den Kontext anschaut, der sich aus bisherigen Aussagen und Vorveröffentlichungen ergibt, dann schmiegt sich das Bild zusammen.  Thilo Sarrazin vertritt ganz offen eine deutsch-nationalistische Meinung, wenn er von einer Reinhaltung der deutschen Natur spricht, selbst dann, wenn es “nur” im Kontext geschieht. Sarrazins Rassismus oder auch Ethnopluralismus ist in einer stammtischmanierartigen Professionalität gewickelt, mit dem Sarrazin es vermag, so manchen gemobbten Deutschen, gegen die Migranten aufsässig werden zu lassen. Die ehemalige EKD-Chefin Käßmann weist zurecht daraufhin, dass man in Deutschland vorsichtig mit der Diffarmierung von Bevölkerungsgruppen sein muss. Trotz der Geschehnisse, die sich während des dritten Reichs zugetan haben und den Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen vor 18 Jahren, ist es Sarrazin nicht leid eben jenes zu tun.

Doch Sarrazin bricht ein Tabu, was vielen das Leben retten könnte.
Die Zustände der Integrationspolitik sind tatsächlich nicht besonders schön und benötigen dringende Überarbeitung. Stadtviertel werden zunehmend ghettoisiert und es bahnt sich eine Konkurrenz an, die sich durch Kulturzugehörigkeit und Religion profiliert. Dieser Zustand der kulturellen Unterschiede ist gefundenes Futter für diejenigen, die gegen MigrantInnen mobil machen. Letztlich ist es möglich, dass sich die Stammtischpolitik verselbstständigt und sich tatsächlich ausländerfeindliche Menschenmassen im Berliner Stadtteil Neukölln ausdehnen. Die Konsequenzen aus der Entstehung und den Taten dieser Massen wären verheerend. Sarrazin bricht das Sprechtabu, welches über der Integrationspolitik verhängt wurde und gibt dem Thema, durch seinen Medienwirbel, einen großen Ruck in den Fokus der MigantInnendebatte. Durch das heiß machen von dem, was längst Sprachverbot bekommen hatte, spitzt Sarrazin die Lage zu und drängt die Politik zur Handlung. Die Politiker haben die Möglichkeit, wenn sie denn von der Vergangenheit belehrt wurden, den Konflikt zu entschärfen.
Die Politiker des Berliner Senats und der Bürgermeister sprechen jedoch von härteren Repressionen gegen MigrantInnen, die sich nicht in die europäische Kultur einfügen lassen wollen. Es soll z.B. Einbüßungen im Kindergeld geben, wenn die Kinder nicht zur Schule gehen.

Dass aber die Schule keine tatsächliche Option für die Jugendlichen bietet, das wird einfach verworfen, wenn es um die Integrations geht. Durch Ghettoisierung und schlechte Hilfsmittel, wurden MigrantInnen schon von Anfang an, innerhalb der Unterschicht, ganz nach unten gestellt. Wer in der gesellschaftlichen Schicht ganz unten steht, der weiß, dass er kaum mehr eine Chance hat, sich nach oben zu bringen. In Neukölln scheint es so, dass hier die wenigsten überhaupt noch eine Zukunftsperspektive haben. So sind Bandenbildung und – kriminalität ein ganz normales Phänomen der Unterschicht. Wer von der Kultur nicht angenommen wird, will irgendwann nicht mehr angenommen werden, da man versucht, auf anderen Wegen zu überleben. Das einzige, was die Neuköllner Jugendbanden von anderen Jugendbanden unterscheidet, ist deren Herkunft, was sie, als MigrantInnen, in eine Sonderstellung bringt, wenn es nach Sarrazin und nationalen Gedanken ginge.
Die Lösung muss darin bestehen, die gesellschaftlichen Verhältnisse zum Gunsten aller zu verändern.

Die Islamisierung von Europa ist ein heikles Thema, zumal sich islamische Staaten, sowie islamistische Organisationen wenig emanzipatorisch und aufgeklärt geben. Es ist keine Option das Gesetzbuch gegen die Scharia einzutauschen und die parlamentarische Demokratie gegen die Theokratie.
Sarrazin pauschalisiert jedoch arabische und türkische MigrantInnen zu einem geballten Haufen antizivilisatorischer, islamistischer Verbände, gegen die westlich-europäische Zivillisation, das kann keine legitime Reaktion auf den Expansionsdrang des Islam als Staatsform sein und erst recht nicht auf die fehlerhafte Integrationspolitik!

Am kommenden Montag soll das Buch “Deutschland schafft sich ab” am Schiffbauerdamm, Haus der Bundespressekonferenz, in Berlin präsentiert werden. Die Proteste sind schon angekündigt.